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Perspektivwechsel

Solange die Musik spielt, wird getanzt. Mit Blick auf die momentane Stimmung in der deutschen und europäischen Venture-Capital-Industrie ist die Tanzfläche nur mäßig besucht und es wird auch keine Party-Musik gespielt, sondern eher melancholischer Blues. Doch gerade in diesen Momenten ist angebracht, inne zu halten und sich das große Bild vor Augen zu führen. Denn dieses ist eines, auf das die Szene zurecht stolz sein kann.

Keine Frage, die nackten Zahlen sind ernüchternd. Laut des jüngsten European Venture Report des Datendienstleisters PitchBook wurden im ersten Halbjahr 2023 lediglich rund 4.500 Finanzierungsrunden abgeschlossen und 25,6 Milliarden Euro in europäische Start-ups und Wachstumsunternehmen investiert. Auf zwölf Monate hochgerechnet kommt die Szene damit etwa auf das Ergebnis aus dem Corona-Jahr 2020, die Rekordwerte aus 2021 und 2022, als jeweils über 100 Milliarden Euro Venture-Capital flossen, würden um mehr als die Hälfte verfehlt.

Venture-Capital-Investments in Europa (2013 – H1 2023. in Mrd. Euro)

Quelle: PitchBook

Doch trotz dieser voraussichtlichen Halbierung, die europäische Venture-Capital- und Start-up-Industrie ist ein Erfolgsmodell – das beweist das große Bild. Im Jahr 2003 beliefen sich die Investments auf nur rund eine Milliarde Euro. Sollte sich das Umfeld nicht aufgrund äußerer Einflüsse noch erheblich eintrüben, steht damit eine Verfünfzigfachung in 20 Jahren zu erwarten.

Noch beeindruckender wird diese Zahl, vergleicht man sie mit den Werten der USA – jener Region, in der nach allgemeinem Dafürhalten in Bezug auf Venture-Capital-Investments Milch und Honig fließen. Auch dort dürfte 2023 mit hochgerechneten 171,3 Milliarden Dollar wohl ziemlich genau das 2020er Ergebnis erreicht werden. Gegenüber 2003 entspräche dies jedoch nur einem Faktor zehn.

Zwar spielen in Europas starker Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte ohne Frage auch Aufholeffekte eine Rolle, doch ist der Standort exzellent aufgestellt, um weiter dynamisch zu wachsen. Schon heute hat der alte Kontinent mit 6,1 Millionen 40 Prozent mehr Entwickler als die USA (4,3 Millionen). Zudem liegt der Anteil der Absolventen in den Bereichen wie Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik (MINT) in den fünf großen europäischen Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien jeweils deutlich über dem US-Wert von 18 Prozent. Die Bundesrepublik kommt mit 35 Prozent sogar auf einen erfreulichen ersten Platz.

Nach der rauschenden Party spielt die Musik in der europäischen Venture-Capital-Landschaft aktuell etwas leiser. Mit Blick auf die Entwicklung der letzten 20 Jahre darf zwischendurch aber durchaus auch mal ein Tusch geblasen werden. Und das enorme Potenzial des hohen Anteils an MINT-Absolventen sollte auf absehbare Zeit wieder zu mehr Betrieb auf der Tanzfläche führen.

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