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Standortvorteil Europa

Es herrscht Anspannung in der Start-up- und Venture Capital-Szene – insbesondere in den USA. Seit dem Bekanntwerden der Schieflage und der anschließenden Insolvenz der Silicon Valley Bank (SVB) geistert das böse L-Wort durch die Branche. Erlebt der Sektor aktuell seinen Lehman Brothers-Moment?

Der Umstand, dass zwar auch in Europa Start-ups und Growth-Unternehmen betroffen sind, jedoch in weit geringerem Umfang, hängt mit einem anderen L-Wort zusammen: lokale Konzentration. Seit Jahrzehnten gilt das Modell des Silicon Valley, fast alle relevanten Größen an Investoren und Unternehmern in einer Region gebündelt zu haben, als entscheidend für den Erfolg des US-Tech-Sektors. Zweifellos lassen sich Start-ups sehr viel schneller aufbauen, wenn Geldgeber, Juristen, Banker und Gründer nur wenige Autominuten voneinander entfernt sitzen. Nicht von Ungefähr wird weltweit versucht, dieses Konzept zu kopieren.

Der Zusammenbruch der Silicon Valley Bank führt uns nun aber eindrücklich die Kehrseite der lokalen Konzentration vor Augen. Wenn Alle mit Allen sehr eng verbandelt sind, steigt das Ausmaß der Kollateralschäden erheblich. Die SVB zählte laut eigenen Angaben im vergangenen Jahr fast die Hälfte der Venture Capital-finanzierten Tech- und Life Sciences-Unternehmen in den USA zu ihren Kunden. Etwa 37.000 davon waren in den Tagen vor dem Zusammenbruch für 74 Prozent der Einlagen der Bank verantwortlich. In absoluten Zahlen sind das knapp 157 Milliarden Dollar.

Zwar war die SVB auch in Europa aktiv – 2022 kamen 18 Prozent der Einlagen von internationalen Kunden –, doch bei weitem nicht so tief in die hiesige Industrie eingebettet wie im Silicon Valley. Ein Grund dafür ist auch der fragmentierte europäische Markt. Seit Jahren wetteifern Berlin, Paris und London um den Titel der Start-up-Hauptstadt Europas. Gleichzeitig haben sich in allen Ländern kleinere lokale Hubs entwickelt – oft mit Fokus auf bestimmte Branchen.

Ein Player von der Bedeutung der Silicon Valley Bank wird sich in einem solchen Umfeld kaum entwickeln – mit allen Vor- aber auch Nachteilen, die das mit sich bringt. Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass der Erfolg des Geldhauses in den letzten fast 40 Jahren darauf beruhte, dass es beinahe der einzige Fremdkapitalgeber für die Start-up-Szene war.

Dass der Zusammenbruch der SVB zum Lehman-Moment für die Tech-Branche wird, ist nach dem zügigen Eingreifen des Staates unwahrscheinlicher geworden. Im Hinblick auf die Auswirkungen der Pleite, kommt Europas Start-up-Industrie ihre Fragmentierung zugute. Auf die Lücke, die die Silicon Valley Bank bei der Fremdkapitalfinanzierung hinterlässt, sollten sich daher idealerweise lokale Player konzentrieren.

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