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Unangebrachte Zurückhaltung

Sie geht wieder um, die Angst vor einem Ausverkauf deutscher Innovationen und Technologien. Befeuert hat sie jüngst die Übernahme des Viessmann-Heizungsgeschäfts durch den US-Konzern Carrier. Fast schon reflexartig wird dann der Ruf nach mehr Kontrolle durch den Gesetzgeber laut. Wirklich dafür sorgen, dass innovative Technologien am Standort bleiben, können aber nicht Politiker in Berlin, sondern Vorstände und Geschäftsführer deutscher Unternehmen.

Ob es im Wärmepumpen-Markt tatsächlich zu einem ähnlichen Szenario kommt, wie es vor etwas mehr als zehn Jahren in der deutschen Solarindustrie zu beobachten war, wird sich zeigen. Sehr viel gravierender als der Verkauf von Viessmanns Heizungsgeschäft für die Zukunftsfähigkeit des Standorts dürfte ohnehin eine andere – seit Jahren anhaltende – Entwicklung sein: Immer mehr deutsche Start-ups werden ins Ausland verkauft.

Laut einer Erhebung von EY standen bei zwei Drittel der M&A-Deals in der hiesigen Start-up-Branche ausländische Konzerne und Investoren auf der Käuferseite. In absoluten Zahlen bedeutet das, dass 136 der 203 im letzten Jahr veräußerten jungen Wachstumsunternehmen heute einen nichtdeutschen Eigentümer haben. Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren verstärkt: 2019 fanden laut EY noch 52 Prozent der Übernahmen durch Käufer aus dem Inland statt.

Überlegungen, dieser Entwicklung durch den Gesetzgeber einen Riegel vorschieben zu lassen, greifen aber zu kurz. Bereits heute haben wir hierzulande eine ganze Reihe an Gesetzen und Verordnungen (allen voran die Außenwirtschaftsverordnung), die dort Anwendung finden.

Obwohl Deutschland mittlerweile über eine aktives Ökosystem an Fonds und anderen Beteiligungsgesellschaften für junge Wachstumsunternehmen verfügt, wird es noch einige Jahre dauern, um das gleiche Reifegradniveau wie in den USA zu erreichen und entsprechende Finanzierungsvolumina für späterphasige Unternehmen aufzubringen.

Vergleich Wachstumsfinanzierung Deutschland & USA

 

Vielmehr braucht es daher rasant gesteigerte Technologieoffenheit und Risikobereitschaft in den Vorstands- und Chefetagen – allen voran in den M&A-Abteilungen – deutscher Unternehmen für Beteiligungen an und Übernahmen von Start-ups. Würden deutsche Konzerne und große Mittelständler häufiger als Käufer auftreten, würde nicht nur der Abfluss von Technologien und Know-how eingedämmt, auch die Unternehmen selbst würden noch innovativer und damit widerstandsfähiger im internationalen Wettbewerb.

Ein exzellenter Weg, um einen guten Überblick über die mittlerweile bunte und vielschichtige Start-up-Szene hierzulande zu bekommen und gleichzeitig potenzielle Übernahmekandidaten frühzeitig zu identifizieren, ist es, als Corporate-Venture-Capital-Investor aktiv zu sein. Dies hätte den positiven Nebeneffekt das nach wie vor eklatant große Funding-Gap deutscher Start-ups gegenüber ihrer internationalen – insbesondere US-amerikanischen – Pendants zumindest ein Stück weit zu schließen.

Ein Beispiel, wie das aussehen kann, ist im Übrigen Viessmann, die das Gros der zwölf Milliarden Euro aus dem Carrier-Deal in die eigenen unternehmerischen Aktivtäten stecken wollen, unter anderem in Investments und Übernahmen. Daneben haben die Hessen die Plattform „Maschinenraum“ mitgegründet, die Mittelständler und Start-ups zusammenbringen soll. Wirkungsvoller werden kein Gesetz und keine Verfügung den Ausverkauft deutscher Innovationen verhindern.

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