EN | DE

Mehr Anfang als Ende

„Das Rennen im Bereich generative künstliche Intelligenz (KI) ist entschieden. Start-ups werden gegen die Technologie von OpenAI (und damit Microsoft) und Google kaum eine Chance haben.“ – Geht es nach dem Großteil der deutschen aber auch internationalen Medien, müssten sich Gründer und Investoren sofort aus dem Segment KI zurückziehen. Wie so oft im Leben lohnt jedoch ein genauerer Blick.

Für die erwartete Dominanz von Microsoft und der Alphabet-Tochter werden in der Regel zwei Argumente angeführt. Zum einen haben beide gigantische (Nutzer-)Datenschätze angehäuft, mit denen sie ihre KI trainieren können. Zum anderen sind sie bereit, sich den Erfolg etwas kosten zu lassen. Und damit sind nicht nur milliardenschwere Zukäufe oder Investments gemeint. Eine Anfrage an den Chatbot ChatGPT kostet zwei Cent und damit etwa das Siebenfache dessen, was für eine „normale“ Suche bei Bing oder Google anfällt. Würde die Alphabet-Tochter im kommenden Jahr 50 Prozent ihres Suchaufkommens mit Hilfe von KI beantworten, könnte das den Analysten von Morgan Stanley zufolge Kosten von bis zu sechs Milliarden Dollar verursachen.

Derart tiefe Taschen hat kein europäisches Start-up oder Growth-Unternehmen. Brauchen sie aber auch nicht, wie Aleph Alpha beweist. Das baden-württembergische Start-up hat einen KI-Chatbot entwickelt, der vor Kurzem in einem standardisierten Leistungsvergleich ähnlich gut abschnitt wie ChatGPT. Doch anstatt im Kampf um private User als David mit gleich zwei Goliaths in den Ring zu steigen, adressieren die Heidelberger mit ihrer Lösung Unternehmen und die öffentliche Verwaltung.

Deutsche und europäische KI-Lösungen haben in diesem Bereich einen wichtigen Vorteil, den eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums bereits 2018 festgestellt hat: einen Vertrauensvorschuss. Wenn es um die eigenen Prozesse geht, scheuen Betriebe aber auch die öffentliche Hand davor zurück, ihre Daten einem US-Unternehmen zu überlassen, das deren Schutz beziehungsweise ihre Verarbeitung unter Umständen (zum eigenen Vorteil) großzügig auslegt.

Heißt die Devise für europäische KI-Start-ups als zukünftig „ausweichen und umschiffen“? Mitnichten! In der Nische sind auch die US-Giganten angreifbar, wie DeepL zeigt, dessen KI-gestützter Online-Übersetzer deutlich bessere Ergebnisse liefert als der Konkurrenzdienst Google Translate. Folgerichtig wurde das Kölner Unternehmen bei der jüngsten Finanzierungsrunde im Januar dieses Jahres mit einer Milliarde Euro bewertet, ist also in den Rang eines sogenannten Unicorn aufgestiegen. DeepL ist dabei kein Einzelfall: Fünf der elf europäischen Unternehmen, die in den letzten sechs Monaten Unicorn-Status erreicht haben, sind im Bereich KI aktiv.

Microsoft – beziehungsweise OpenAI – und Google werden wohl gewichtige Player im KI-Sektor und mit Blick auf den Einsatz der Technologie im Massenmarkt „Suche“ dürfte ihnen nur schwer beizukommen sein. Gleichzeitig bietet künstliche Intelligenz derart viele Chancen und Einsatzmöglichkeiten, dass es fatal wäre, dort nicht zu gründen oder zu investieren. Abgehängt sind die deutschen und europäischen Unternehmen noch lange nicht. Das Rennen hat gerade erst begonnen.

Wenn Sie fortfahren, stimmen Sie der Verwendung von Cookies auf dieser Website zu. Um mehr über Ihre Wahlmöglichkeiten zu erfahren, lesen Sie unsere Cookie Richtlinie.