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Solaranlagen: Enpal-Chef kritisiert Solarförderprogramm – DER SPIEGEL

Mario Kohle will mit Enpal die Revolution auf deutschen Dächern starten. Doch in diesem Jahr ging es schleppend voran – der Unternehmer macht dafür auch die Ampelregierung verantwortlich.

Ein Spiegel Interviev von Henning Jauernig


SPIEGEL:
Herr Kohle, hat sich Robert Habeck schon bei Ihnen bedankt?

Mario Kohle: Wieso sollte er?

SPIEGEL: Bei den Ausbauzielen für Wärmepumpen und E-Autos hängt Deutschland stark hinterher, nur bei Solaranlagen hat der Bund sein Jahresziel übertroffen. Das dürfte auch daran liegen, dass Ihr Unternehmen fleißig Solardächer auf die Häuser baut.

Kohle: Als wir 2017 mit Enpal starteten, wurden in Deutschland pro Jahr 50.000 Solaranlagen gebaut. Viele haben damals nicht verstanden, warum es ein Unternehmen wie Enpal braucht. Nun sind wir bei insgesamt mehr als einer halben Million verbauten Solaranlagen pro Jahr. Mich macht es sehr stolz, dass wir davon 30.000 in diesem Jahr gebaut haben. Aber die Politik hat auch einen Anteil daran, in dem sie in den vergangenen Jahren die Bedingungen für den Solarausbau vereinfacht hat.

SPIEGEL: Hat die Bundesregierung Ihnen nicht in diesem Jahr eher Steine in den Weg gelegt?

Kohle: Ja, wir haben viel Potenzial und Momentum verloren in diesem Jahr. Das monatelange Gezerre ums Heizungsgesetz hat viele Verbraucherinnen und Verbraucher verunsichert. Und dann stürzte im September auch noch Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) mit seinem fehlgeleiteten Förderprogramm unsere Branche ins Chaos.

Zur Person
Mario Kohle, 39, ist Gründer und Chef des Solaranlagen-Start-ups Enpal. Mit 24 gründete er sein erstes Unternehmen: Käuferportal (heute Aroundhome) vermittelte komplexe Produkte und Dienstleistungen an Immobilienbesitzer, unter anderem Solaranlagen. Kohle verkaufte die Firma und gründete 2017 mit seinen Studienfreunden Viktor Wingert und Jochen Ziervogel das Solarunternehmen Enpal. Inzwischen wird es von
Investoren mit gut zwei Milliarden Euro bewertet. 2022 hat sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr auf 413 Millionen Euro mehr als verdreifacht.

SPIEGEL: Das Verkehrsministerium förderte mit bis zu 10.200 Euro neue Solaranlagen, Speicher und Ladestationen für Elektroautos. Wieso beschweren Sie sich über Subventionen, die Ihnen zugutekommen?

Kohle: Das Programm war kontraproduktiv. Die meisten, die es nutzen wollten, hätten wohl auch ohne die neue Förderung Anlagen gekauft. Außerdem haben viele Kunden, die bei dem Förderprogramm Ende September leer ausgegangen sind, ihre Aufträge für Solaranlagen und Speicher storniert, weil sie auf den zweiten Teil des Programms im kommenden Jahr warten. Das hat uns viele Aufträge gekostet. Fördertöpfe nach dem Windhund-Prinzip machen die Leute nur verrückt. Aber ich möchte nun nach vorne schauen. Wir haben immer noch die Möglichkeit, in Deutschland die Energiewende mit anzuführen. Jetzt müssen wir alle liefern.

SPIEGEL: Gerade hat Wirtschaftsminister Habeck angekündigt, bei der Förderung der Solarproduktion zu
kürzen. Konterkariert das nicht das Ziel, dass Deutschland bei der Energiewende führend sein soll?

Kohle: Die Haushaltsdiskussionen zeigen deutlich, wie fragil Fördersysteme sind. Das politische Hin und Her verunsichert Kunden massiv und führt zu Kaufzurückhaltung in der Branche. Förderung muss planbar und verlässlich sein, sonst schadet sie mehr als sie nützt. Ein Stop and Go bei der Förderung ist Gift für den Markt. Es braucht auch nicht überall neues Steuergeld. Vieles kann der Markt von allein. Dafür müssen wir aber die Energiewende stärker von Bürokratie befreien.

SPIEGEL: Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten findet man ausschließlich chinesische Anbieter im Enpal-Shop: Longi und JA Solar für Solarmodule, Huawei und Sungrow für Batteriespeicher und Wechselrichter. Ist diese große Abhängigkeit nicht ein Problem?

Kohle: Wir haben sehr stabile und auch krisengeprüfte Partnerschaften mit chinesischen Playern. Ausgerechnet im Corona-März 2020 haben wir im chinesischen Shenzhen ein Büro aufgebaut, deshalb konnten wir im Gegensatz zu vielen anderen immer liefern. Gleichzeitig leben wir in Zeiten, wo es ratsam ist, sich geopolitisch zu diversifizieren. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben wir beschlossen, vermehrt Produkte aus anderen südostasiatischen Ländern und Indien zu
beziehen. »Kunden müssen mit einem Aufpreis rechnen, wenn sie Produkte mit heimischem Anteil nehmen.«

SPIEGEL: Deutsche Solarhersteller sehen sich massiv bedroht, weil sie mit den günstigen Preisen aus Fernost nicht mithalten können. Sogar neue Zölle werden diskutiert.

Kohle: Zölle würden grüne Energie für den Kunden massiv verteuern. Die Produktionskapazität für Solarzellen in Europa beträgt nur etwa ein Gigawatt pro Jahr. Das entspricht der Leistung, die in Deutschland in einem Monat installiert wird. Heimische Hersteller sind sehr klein. Zölle auf chinesische Module könnten den Markt von heute auf morgen abwürgen. Das würde die Energiewende um Jahre zurückwerfen und Zehntausende von Arbeitsplätzen vernichten.

SPIEGEL: Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) macht sich für sogenannte Resilienz-Boni für kleine Dachanlagen stark, die an mindestens zwei Stellen der Wertschöpfungskette europäische Komponenten enthalten. Die zusätzliche Vergütung für den Solarstrom soll demnach bis zu 3,5 Cent je Kilowattstunde betragen. Eine gute Idee?

Kohle: Das würde den Staatshaushalt für viele Jahre massiv belasten. Außerdem hatten die bisherigen Förderprogramme bereits massives Chaos zur Folge. Eine weitere Förderstruktur würde zusätzliche Verwirrung stiften. Wenn die Dinge zu komplex werden, steigen die Menschen aus. Die USA machen es mit dem Inflation Reduction Act (IRA) vor, wie es geht: Dort werden Produktionswerke im großen Stil gefördert. Aber wir werden dennoch künftig stärker auf heimische Komponenten setzen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Kohle: Wir wollen vermehrt Module oder Wechselrichter »made in Europe« in unser Angebot aufnehmen. Damit tragen wir bei, dass heimische Hersteller gestärkt werden.

SPIEGEL: Wird es für die Kunden dann teurer?

Kohle: Ja, Kunden müssen mit einem Aufpreis rechnen, wenn sie Produkte mit heimischem Anteil nehmen.

SPIEGEL: Ihr ärgster Konkurrent, 1komma5° will eine eigene Fertigung in den neuen Bundesländern ansiedeln. Wäre das auch für Sie ein Modell?

Kohle: China hat strukturell die Solarindustrie unterstützt. Das hat unser Land verschlafen. In der Folge kann aktuell kein deutsches Werk mithalten.

SPIEGEL: Sie wollen bis 2030 eine Million Solaranlagen in Deutschland installiert haben. Wie wollen Sie das schaffen?

Kohle: In der Pandemie haben wir stark auf digitale Beratung gesetzt. Nun wollen wir die Kunden mehr vor Ort beraten und dafür einen Außendienst starten. Zudem werden wir volle Möhre auf Wärmepumpen setzen. Denn die rechnen sich besonders, wenn sie mit Solaranlagen kombiniert werden. Diese Produktlinie werden wir ausbauen. »Wir bekommen 14.000 Bewerbungen im Monat. Weit mehr Menschen melden sich, als wir einstellen können.«

SPIEGEL: Gibt es überhaupt genug Fachkräfte um diesen Ausbau hinzukommen?

Kohle: Wir haben das Problem als Unternehmen gelöst, indem wir eigene Akademien errichtet haben. Dort bilden wir auch Elektriker und Monteure aus. Inzwischen bekommen wir 14.000 Bewerbungen im Monat. Weit mehr Menschen melden sich, als wir einstellen können.

SPIEGEL: Auf Bewertungsportalen im Internet lassen sich zahlreiche Beschwerden über Ihr Unternehmen finden. Viele Kunden sind verärgert über unzuverlässige Monteure, Pfusch am Bau oder wochenlange Funkstille im Service. Bringt das schnelle Wachstum Enpal in Schwierigkeiten?

Kohle: Die einzige Möglichkeit, keine Fehler zu machen, ist nichts zu machen. Aber nichts zu machen ist keine Option, weil wir weltweit vor der vielleicht größten Herausforderung der Menschheit stehen: Nämlich die Bekämpfung des Klimawandels. Natürlich passieren auch uns Fehler. Diese analysieren wir und versuchen stets besser zu werden. Dass uns das gelingt, sieht man daran, dass sich unsere Kundenbewertungen im Schnitt in diesem Jahr verbessert haben. Wir sind inzwischen mit fast 10.000 fast ausschließlich positiven Bewertungen bei Google eines der bestbewerteten Installationsunternehmen für erneuerbare Energien.

SPIEGEL: Auch bei vielen Stadtwerken häufen sich die Beschwerden über Sie. Als sogenannter Messstellenbetreiber sind Sie dazu verpflichtet, Stromzählerstände an Netzbetreiber mitzuteilen. Trotz Mahnungen hätten Sie nicht reagiert, heißt es. Wie wollen Sie das abstellen?

Kohle: Wir haben in diesem Jahr 20.000 intelligente Stromzähler ausgerollt, sogenannte Smart Meter – so viele wie nie jemand zuvor. Dass da in der Abstimmung nicht alles sofort glattläuft, versteht sich von selbst. Die Fehler liegen nicht allein bei uns. Stadtwerke etwa sind extrem langsam mit dem Zählertausch, Kunden warten monatelang bis sie ans Netz gehen dürfen. Was auch an unnötiger Bürokratie liegt. Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass in Deutschland der Smart-Meter-Einbau stärker reguliert ist als der Transport von Uran.

Quelle: spiegel.de

 

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