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Überraschung – oder auch nicht

Krieg, Inflation, Zinsanhebungen – es ist eine toxische Mischung, gegen die potenzielle Börsengänge seit einem Jahr ankämpfen müssen. Zugleich steckt vielen Anlegern noch die Ernüchterung der mit dem Ende des Corona-Booms in sich zusammengefallenen IPO-Bewertungen in den Knochen. Und dennoch: Die Indizien verdichten sich, dass wir sehr viel schneller wieder Neuemissionen sehen könnten, als allgemein erwartet wird.

So will beispielsweise United Internet am 8. Februar seine Tochter Ionos in Frankfurt an die Börse bringen. Bemerkenswert sind dabei vor allem zwei Punkte: Zum einen handelt es sich – man möchte fast „ausgerechnet“ sagen – um ein Technologie-Unternehmen, das deutlich mehr Eisbrecher-Charakter für den Tech-Sektor entwickeln dürfte, als ein weiterer Old-Economy-Börsengang wie der von Porsche. Zum anderen scheint auch der Appetit der Investoren auf Unternehmen aus diesem Segment ungebrochen: Bereits wenige Stunden nach Beginn der Zeichnungsfrist waren die Bücher für das Ionos-IPO komplett gefüllt.

Gleichzeitig laufen in der hiesigen Start- und Scale-up-Szene die Vorbereitungen auf ein sich öffnendes Fenster für Börsengänge. Jüngstes Beispiel ist die Umfirmierung eines der wertvollsten deutschen Wachstumsunternehmen: Im Januar änderte Personio seine Rechtsform von einer GmbH auf eine Societas Europaea, das europäische Äquivalent der AG.

Die schnelle Rückkehr der IPOs mag vor dem Hintergrund überraschend wirken, dass viele Venture- und Growth-Capital-Fonds in den letzten eineinhalb Jahren große Mengen an Kapital eingesammelt haben. Das sogenannte Dry Powder (bislang uninvestiertes Kapital) ist auf Rekordstände geklettert.

Anzahl der Tech-IPOs nach Region

*Stand: 22. November 2022
Quelle: S&P Capital IQ Platform

Doch steht zu erwarten, dass ein erheblicher Teil dieser Mittel nicht in den Markt fließen wird. Der Grund ist, dass große Investoren wie Pensionskassen und Versicherungen klare Vorgaben hinsichtlich ihrer Kapital-Allokation haben. Sie laufen Gefahr, dass nach der zuletzt schwierigen Zeit für Aktien der prozentuale Anteil von Venture-Capital an ihrem Gesamtportfolio zu groß würde. Der dringlichen Bitte dieser Multi-Milliarden-schweren Investoren, nicht alle zugesagten Mittel auch wirklich abzurufen, dürfte sich kaum ein Fondsmanager widersetzen können oder wollen.

Das wiederum sollte dazu führen, dass die hochbewerteten Scale-ups – Personio beispielsweise sammelte zuletzt auf einer 8,5-Milliarden-Dollar-Bewertung Kapital ein – wieder schneller den Weg an die Börse suchen. Schlicht, weil Venture-Capital-Fonds die schiere Masse an Milliarden-Unternehmen (weltweit rund 1.200) nicht mehr finanzieren können. Außerdem ist zu erwarten, dass in Zukunft auch im Private-Market wieder umfangreiche Prüfungs- und Verhandlungsprozesse zur Tagesordnung gehören. Die Argumente der geringeren Komplexität und der höheren Geschwindigkeit gegenüber einem Börsengang verlieren damit an Gewicht.

Ein IPO wäre dabei alles andere als eine Notlösung. Nachdem die Übertreibungen aus 2021 (schmerzhaft) korrigiert wurden, bieten Tech-Börsengängen wieder für alle Beteiligten große Chancen: Die Investoren erhalten einen Exit-Kanal, die Unternehmen Zugang zu (Wachstums-)Kapital und die Anleger die Möglichkeit, sich an den Champions von morgen zu beteiligen. Die schnelle Rückkehr der Tech-IPOs wäre daher weit weniger überraschend, als vielfach angenommen.

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